Vorwort (off topic): Jetzt wo ich mittlerweile schon seit über 3 wieder aus Polen zurück bin und das verwirrende Hin und Her zwischen Ankunft, Familie, Freunden, Weihnachten, Heimat, Sylvester, Abfahrt und Studienbeginn hinter mir habe möchte ich dieses blog nicht veröden lassen sondern weitere Themen aus unterschiedlichen Bereichen (Onlinewelt, Glaube und Kirche, Studium) betrachten.
Die Kirche ist ja bekanntlich ein Schiff. Ein Schiff, das im Sturm der Zeit dahersegelt und “dort draußen” immer wieder neuen Herausforderungen gegenübersteht. Da gab es ruhige Zeiten und wohltuende Winde, aber eben auch die sprichwörtlichen Stürme. Und schon sieht sich die Kirche seit einigen Jahren einer neuen Herausforderung gegenüber: dem Internet, Schlagwort und Überbegriff für rasante Kommunikation, Informationsdschungel, Selbstdarstellung und fortwährende Vernetzung.
Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.

Eine Herausforderung hat ja auch immer das Potenzial ein Anstoß zu sein und große Dinge zu bewegen. Laut dem Artikel Christen und das „Web 2.0“ in pro (kostenloses christliches Medienmagazin, Ausgabe 5|2007) weht der Wind des Wandels nun also aus der Richtung Web 2.0, dem Internet zum Mit- und Selbermachen. Was daran neu ist kann eigentlich keiner so genau und konkret benennen oder beziffern. Es scheint mir fast wie eine literarische Epoche, unfassbar und doch prägnant. Die Postmoderne mündet nun endlich in den lang ersehnten Nachfolger: das Web 2.0.
Nach dem „Augenöffner“ der Aufklärung und dem Tabubruch der 68er konnte man (inhaltlich) endlich alles schreiben was einem auf dem Herzen lag. Gelesen hat’s bloss keiner, wenn man beseelt vom Geist der Zeit seine persönlichen 95 Thesen zuhause an die Wohnungstür genagelt hat.
Das ist nun anders. Es ist zwar immer noch die eigene Wohnungstür – der Eingang zu unserem privaten Lebensraum – an den wir unsere Pamphlete nageln, aber diese Wohnungstür ist nun digital, mit einem Klick von der ganzen Welt erreichbar und nennt sich blog. Es ist als stünde die ganze Welt hier in Duisburg bei mir vor der Tür um das neueste, von mir verfasste Zettelchen zu lesen. Mitmachen ist neuerdings – vor allem aus technischer Sicht – so einfach geworden wie einen Notizzettel mit Tesa an die Wohnungstür kleben.
Daher weht nun also der Wind des Wandels. Aber wer sind die Maurer und wo werden die Windmühlen gebaut? Wo finden wir sie, die erneuerbaren Energien des Cyberspaces? Im Artikel der pro klingen einige viel versprechende Ideen an. Da nimmt jemand Menschen von der Bushaltestelle mit und fährt sie wohin sie wollen. Der „Preis“ ist ein Gespräch über Gott und wird als Podcast veröffentlicht (http://karachotv.blogspot.com/). Auf www.ichurch.de informiert ein Marketing-Spezialist über die Möglichkeiten der Kirche im Web 2.0. Und Jesus.de – Online Community und Online Newsmagazin des Bundesverlages – wächst und plant eine erneute nutzerfreundlichere Ausrichtung des Angebots (vor allem was Offenheit gegenüber „Nichtchristen“ angeht). Diese Projekte klingen für mich alle sehr interessant, aufregend und sind sicherlich der richtige Ansatz um das gegenwärtige Internet als Plattform zu nutzen. Jetzt fehlen eigentlich nur noch christliche Facebook applications à la „You’ve been blessed by XYZ“ und das Web 2.0 Packet ist komplett.
Ich komme aus einer gut-lutherischen, vielleicht etwas konservativen Landgemeinde Norddeutschlands mit ca. 30 Gemeindemitgliedern pro km². Hier fahren Menschen jede Woche mehrere Kilometer mit dem Auto um an einer Chorprobe teilzunehmen und in kleinen Dörfern mit 4 Straßenlaternen unterhält die Kirche eine Glocke die stündlich einmal bimmelt („Öffentlichkeitsarbeit“ mal anders). Gerade hier wäre n’ beeten wäbb zwo null (ein bisschen Web 2.0) doch sicher hilfreich und gerade hier sollte man sich doch ganz besonders über die Möglichkeit der digitalen Pamphlete imaginären Wohnungstür en freuen. Aber Pustekuchen! Böhmische Dörfer wie blog, podcast und newsfeed verstehen die Menschen hier nicht und erkunden wollen sie die schon gar nicht. Woran liegt das? Ein Faktor wird sicherlich der dörfliche Konservativismus sein. Aber ist das alles? Ich habe zunehmend auch das Gefühl das gerade der Bereich „Neue Medien“ überwiegend von Menschen aus alternativen Gemeindeformen genutzt wird. Von der evangelischen Landeskirche Hannover lese ich da leider höchstens Meldungen über ein neues Bibelradio oder eine Zusammenfassung von Weihnachtspredigten bei der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).
Entsteht hier so etwas wie eine Kirche der zweiten Generation? Eine Kirche für die ewig Gestrigen, die sonntags „dem Herrn Pastor seine Predigt [sic!]“ hören um sich nach der obligatorischen Spende für die Mission zum Klatsch und Tratsch beim Kirchkaffee zu treffen. Und dann , jetzt neu im Angebot, für alle Jungmenschen die Medienkirche in der Version 2.0 – Freie evangelische Gemeinde, kein Gottesdienst ohne Beamer und Predigt per podcast. So findet bald jeder die auf ihn persönlich zugeschnittene Gemeinde – zur Not halt online. Gerade heute habe ich in einer Wirtschaftsvorlesung viel über Marktsegmentierung zur Gewinnoptimierung gehört. Wäre ja gelacht, wenn wir Christen das nicht auch könnten! Den ausführlichen Blick zum „Vorbild“ Amerika erspar ich mir an dieser Stelle.
Was also tun?
Wie wäre es ausnahmsweise mit voneinander lernen statt fortwährender Ausdifferenzierung! Die Landeskirche und ihre Gemeinden täten sicherlich gut daran sich auf digitale Zettelchen an der Kirchentür usw. einzulassen. Selbst auf dem Kirchentag 2007 in Köln war die „Themenhalle Medien und Weltwissen“ erschreckend leer und uninteressant. An dieser Stelle sollte man eigentlich Vorreiter sein, nicht hinterherhinken. Liest man doch in einschlägigen weblogs (z.B. bei donalphonso von der blogbar) immer wieder wie wichtig es heutzutage im Internet sei seine Besucher durch Inhalte zu überzeugen und wie schwierig viele sich damit tun diese Inhalte zu schaffen. Die Kirche hat Inhalte noch und nöcher parat. Wieso werden daraus keine Windmühlen gebaut?
Und was ist mit den Onlinechristen, Alternativensuchern und Freikirchlern? Nach 500 Jahren scheint wohl die Zeit reif für eine Reformation 2.0 und eine (?) neue Kirche muss her, denn die alte hat ausgedient, ist nicht medientauglich und wird ausgemustert. Nicht einmal von der Kirche hält sich die Evolution fern. Aber wieso muss man sich eigentlich aus dem großen Ganzen ausklinken und auf dem eigenen Schiffchen lossegeln?
Voneinander lernen Windmühlen statt Mauern zu bauen und das Schiff gemeinsam zu segeln, darauf kommt es an.
